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Espenblog: Ein verlorenes Jahr

Der Espenblog wirft einen Blick zurück auf das Jahr 2011. Ein Jahr mit viel Licht und noch mehr Schatten. Ein verlorenes Jahr, aber auch ein denkwürdiges Jahr.

Ein wenig schmunzeln musste ich ja schon, als ich die Internet-Berichte der renommiertesten Schweizer Medien nach dem 1:0 im letzten Spiel vor der Winterpause in Bellinzona durchlas. "Der FC St. Gallen beendet ein tolles Jahr mit einem Sieg im Tessin!", stand in einem Artikel. Nicht schlecht, oder? Unter dem Strich war 2011 doch wieder einmal ein verschenktes Jahr. Immerhin ist man schon wieder abgestiegen. Und darf wieder gegen unattraktive Gegner wie Wohlen oder Kriens in die Hosen steigen. Beim ersten Mal vor drei Jahren mag das ja noch amüsant gewesen sein. Endlich neue Gegner, schöne Siege und unorthodoxe Auswärtsfahrten an tristen Montagabenden. Aber jetzt schon wieder? Irgendwie ein schlechter Scherz.

Neuenburg und seine Konsequenzen

Wenn ich mich aus Reportersicht an das erste Halbjahr erinnere, respektive erinnern muss, kommt mir als Erstes die Pleite gegen acht Xamaxiens in Neuchâtel in den Sinn. Was war denn das bitteschön? Die Fakten: Ein Gegentor nach rekordverdächtigen 19 Sekunden erhalten, kurz vor Schluss ausgeglichen und in der Nachspielzeit dann doch noch mit 1:2 verloren. Treand der Torschütze. Und eben: Der Gegner zu diesem Zeitpunkt schon mit drei Platzverweisen bedacht. Unmöglich? Mitnichten. Der FC St. Gallen hat sich in den letzten zehn Jahren offensichtlich auf Niederlagen katastrophalen Ausmasses spezialisiert. Angefangen beim denkwürdigen 3:11 in Wil, dem Cup-Halbfinal-Out 2003/04 gegen denselben Gegner, die Pokal-Schmach gegen die Feierabend-Kicker von Küssnacht am Rigi, das Lausanne-Heimspiel in der vorletzten Saison. Die Liste liesse sich wohl beliebig fortsetzen. Das Spiel in Neuenburg wird mir aber auch persönlich in unguter Erinnerung bleiben: Zunächst war da der mittlerweile in Basel zu Recht gefeierte Fabian Frei. Der nur Minuten nach dem Abpfiff auf dem Neuenburger Kunstrasen die mitgereisten FCSG-Fans bis aufs Blut beleidigte. Statt sich für die Leistung seiner Mannschaft zu schämen. Und weil ich grad ziemlich sauer war über die nicht vorhandene Selbstkritik, band ich sein übles Statement kurzerhand in den fcsg.info-Spielbericht ein. Mit Konsequenzen. Es hagelte digitale Beleidigungen von Frei auf mein Handy. Immerhin kam schon am Abend die Einsicht. Fabian entschuldigte sich fair, wir machten ein Interview und versuchten, die Sache wieder halbwegs geradezubiegen.

Aussprache auf der Trainerbank

Wesentlich zerfahrener war da die Sache mit Jeff Saibene. Dem war ich schon vor dem Xamax-Match in einem Espenblog an den Karren gefahren. Und so war ich nach einer solch denkwürdigen Pleite in Neuenburg wohl erst recht der Hinterletzte, mit dem er sprechen wollte. "Schreib doch was du willst, dir habe ich nichts mehr zu sagen!", waren noch die nettesten Worte. Für ein paar Wochen herrschte dann auch Funkstille zwischen uns. Erst beim Sieg in Bellinzona, der die Hoffnung auf den Klassenerhalt noch einmal zurückbrachte, konnten wir uns aussprechen. Ganz exklusiv auf der Trainerbank. Nachdem Lopar zuvor im Comunale Feltscher im Strafraum über den Haufen gesäbelt und Schiedsrichter Laperrière – wieder einmal – nichts gesehen hatte. Turbulenzen gehören wohl einfach zum Business. Mit dem Anspruch, ausgewogen aber auch kritisch über den FCSG zu berichten, muss man sich wohl ab und an einfach böse Worte anhören. Uli Forte las mir im letzten Jahr mal eine gefühlte Stunde die Leviten. Und der heutige Vize-Präsident Hüppi hat sich auch schon mehrmals intensiv meiner Mailbox angenommen. So ist das Leben.

Costanzos Tränen

Wie dem auch sei. Kurz nach der Bellinzona-Hoffnung kam der Abstiegsdämpfer beim Auswärtsspiel in Bern. Der war für mich weit weniger katastrophal als zunächst angenommen. Warum? Weil der Abstieg irgendwie logisch war, auch wenn am Schluss wenig zum Verbleib in der Super League fehlte. Es wurden über die ganze Saison immer wieder Punkte auf die fahrlässigste Art und Weise vergeben. Und so lief der erneute Fall in die Zweitklassigkeit unter dem Motto "selbst schuld". Vom Spiel in Bern ist mir nicht wirklich viel in Erinnerung geblieben. Eher die Leere nach dem Abpfiff, die aber deutlich weniger schlimm als im Espenmoos anno 2008 war. In meinem Kopf eingefressen hat sich dagegen das Gesicht von Moreno Costanzo, der im Match gegen uns getroffen hatte. Sich nach dem Spiel offensichtlich dafür schämte, mit Tränen in den Augen in der Kabine verschwand und für niemanden zu sprechen war. Die horrende Parkgebühr in der Tiefgarage des Stade de Suisse (75 Franken oder so). Wie auch immer. Ziehen wir einen Schlussstrich.

"Schon wieder die Bayern..."

Die neue Saison konnte das verheerende 2011er Gesamtbild wieder etwas aufhellen. Auch wenn die Siege öfters wenig stilsicher herausgespielt wurden, steht man souverän an der Tabellenspitze. Und im Cup-Viertelfinale. Kurz: Wir sind auf Kurs. Wie halt auch schon vor drei Jahren. Das Standardprogramm. Irgendwie ist es überflüssig, zu viele Worte darüber zu verlieren. Daher eine Anekdote zum Abschluss: Neulich sass ich mit einem alten Bekannten, einem heissblütigen Basel-Fan, im Zug. So heissblütig, dass er von der Ostschweiz nach Basel gezogen ist und bei Europacup-Auswärtsspielen immer dabei ist. Jedenfalls konnte sich der tatsächlich darüber aufregen, dass ihr Gegner auf der internationalen Bühne schon wieder Bayern München heisst. Irgendwie krank. Jammern auf unglaublichem Niveau. Aber irgendwie auch beruhigend zu wissen, dass uns das in St. Gallen so schnell nicht passieren wird. Auch wenn wir via Winterthur und Gegner XY den Cupfinal erreichen sollten. Was ich natürlich auch als Berichterstatter hoffe – genau wie jeder Fan im Espenblock.

In diesem Sinne: Allen Espen da draussen einen guten Rutsch ins neue Jahr!
Euer fcsg.info-Team

Geschrieben am 30.12.2011 um 19:57 Uhr von mla

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Kommentare

Remo Müller, Montag, 2.Januar um 11:03 Uhr
Moreno Costanzo ist mir auch mit dem Tor in Erinnerung geblieben.
Er hat ja nur seinen Job gemacht. Hut ab vor seiner Reaktion: Kein Torjubel und Tränen in der Kabine. Das verdient höchsten Respekt und zeigt, dass er ein wahrer St. Galler ist.


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